Langweilig wird es Betroffenen in toxischen Beziehungen leider nicht.
Ich schreibe in diesem Blog explizit über ein Beispiel aus einer Paarbeziehung. Diese Umgangsformen können aber auch in Freundschaften, familiären Strukturen und anderen Beziehungen praktiziert werden. Wir sprechen genau gesagt vom Trauma Bonding.
Was von außen womöglich nicht unbedingt erkennbar ist, fühlt sich innerhalb der Beziehung wie eine Achterbahnfahrt an: Ein Wechselspiel von emotionalem und ggf. auch körperlichem Schmerz und rauschenden Versöhnungen.
Was ist Trauma Bonding?
Trauma Bonding bedeutet auf deutsch Traumabindung. Das Paar, in dem der eine Partner dominant und grenzüberschreitend, und der andere Partner sich emotional abhängig zeigt, erlebt einen Kreislauf aus Liebe, Missbrauch und Versöhnung.
Im Weiteren verwende ich anstatt der Bezeichnung des Paares die Begriffe Täter und Opfer oder Betroffene, denn das ist es leider. Es herrscht zwischen Täter und Opfer ein Machtgefälle aus Dominanz und Unterwerfung, Schuld und Überanpassung, Nähe und Distanz, Hoffnung und Angst.
Wie erkenne ich Trauma Bonding?
Der Beginn einer solchen Beziehung ist oft das genaue Gegenteil: Das Paar schwelgt in Liebesbekundungen füreinander, genießt die gemeinsame Zeit, schmiedet Pläne und schaut optimistisch in Zukunft, da es sich so vollkommen richtig anfühlt. In dieser sogenannten Love-Bombing-Phase überschüttet der Täter das Opfer mit Zuneigung, Aufmerksamkeit und Geschenken.
Diese Stimmung kippt jedoch aus unterschiedlichen Gründen schnell und das Opfer sieht sich psychischer oder auch körperlicher Gewalt ausgesetzt. Die Opfer berichten meist von anfänglichen Drohungen, Einschüchterungen, bis hin zu emotionaler Erpressung und Schuldumkehr. Dies sind nur einige Beispiele.
Nach einer solchen Eskalation zeigt sich der Täter dem Opfer reumütig, beteuert, dass so etwas nie wieder geschehen werde. Diese Phase spielt eine zentrale Rolle im Trauma Bonding. Das Opfer beginnt wieder zu hoffen, erlaubt Nähe und glaubt an eine vermeintliche Zurückgewinnung von Stabilität. Das toxische hieran ist: Die emotionale Bindung des Opfers zum Täter verstärkt sich weiter und der Kreislauf beginnt aufs Neue.
Die Opfer des Trauma Bondings leiden oft unter emotionalem Stress, einem niedrigen Selbstwert und depressiven Symptomen wie Niedergeschlagenheit und Interessensverlust. Die wiederkehrenden Grenzüberschreitungen des Täters unterstützen zusätzlich die Aufrechterhaltung des fragilen Zustands des Opfers.
Verhalten des Täters:
- Isolation des Opfers von Familie, Freunden etc.
- Autonomiebestrebungen des Opfers werden unterdrückt
- Kontrollierendes Verhalten gegenüber dem Opfer
- Manipulation des Opfers
- Schuldumkehr in Auseinandersetzungen
- Emotionale Erpressung des Opfers
- Ängste und Schwächen des Opfers benutzen
- Konflikte mit dem Opfer werden aufrechterhalten und nicht gelöst
- Berechnende Nähe und Entschuldigungen werden dem Opfer gegenüber inszeniert
Reaktionen der Betroffenen:
- Rückzug vom gewohnten sozialen Umfeld
- sich abwechselnde ambivalente Gefühle: Liebe, Angst, Hoffnung, Schuld
- Übernahme der vom Täter erzeugten Schuldgefühle
- Emotionale Abhängigkeit auch nach Demütigungen und Gewalt
- Rechtfertigen und Verharmlosen des Verhaltens des Täters
- Idealisierung der wenigen schönen Momente
- Angst vor einer Trennung
- Drang, alles richtig zu machen, um einen erneuten Konflikt zu vermeiden
- Wiederholtes Verbleiben oder Zurückkehren in die Beziehung
Wie kann ich mich aus einer toxischen Beziehung lösen?
Es ist keine Schwäche, darüber zu sprechen, was Opfer in toxischen Beziehungen erleben.
Vielmehr ist es der Beginn, sich Hilfe zu holen und zu lernen, Grenzen zu setzen. Sogenannte Entlastungsgespräche mit dem engen sozialen Umfeld (z. B. Familie und Freunde) zu führen und sich derer Unterstützung bewusst zu sein. Der Austausch unter Betroffenen in einer Selbsthilfegruppe kann eine Hilfestellung sein. Ebenso sind therapeutische Gespräche eine wertvolle Begleitung, Klarheit über die Gesamtsituation zu erlangen. Wie ist eine Begrenzung oder Beendigung des Täterkontakts möglich?
Neben alldem ist es für Betroffene eine Ressource, sich bewusste Momente der Selbstfürsorge zu nehmen. Schon kleine Auszeiten, in denen Entspannung möglich ist, um Kraft zu schöpfen und das angespannte Nervensystem zu beruhigen, sind ein wichtiger Baustein hin zu innerer Stabilität.
Das Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse, dem Bauchgefühl Aufmerksamkeit schenken und demnach Entscheidungen treffen, stärkt das Selbstwertgefühl der Betroffenen Schritt für Schritt.